Airbus Defence and Space

Die Ariane – ein europäisches Gesamtkunstwerk

Ähnlich wie bei dem Projekt Airbus, das die Koordination von Flugzeugherstellern aus zunächst vier und später sechs Ländern erforderte, musste auch im Fall der Trägerrakete Ariane die Zusammenarbeit von Industrieunternehmen aus zehn bzw. später zwölf Ländern abgestimmt werden. Seit fünf Jahren dirigiert Airbus Defence and Space Space Transportation diese Symphonie der Unternehmen, deren großes Finale in Kourou erklingt.

Das komplexe Arrangement ist größtenteils der industriellen Aufteilung unter den zwölf am Programm beteiligten Staaten (Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Schweiz, Schweden und Spanien) geschuldet, deren Industrieunternehmen den jeweiligen finanziellen Beiträgen entsprechend Produktionsaufträge erhielten. Die Komponenten der Trägerrakete Ariane 5 ECA entstehen deshalb an rund 20 größeren Fertigungsstandorten in ganz Europa und in Französisch-Guayana.

 

Kryogene Hauptstufe EPC (Etage Principal Cryotechnique)

Das zentrale Rumpfstück der Trägerrakete nimmt in Frankreich Form an. In Les Mureaux (Paris) fertigt Cryospace, ein Gemeinschaftsunternehmen von Airbus Defence and Space und Air Liquide, den EPC-Tank, der anschließend in die Trägerraketen-Integrationshalle von Airbus Defence and Space gebracht wird, wo das von MT Aerospace in Augsburg gefertigte Front Skirt – ein Verbindungssegment, das den Schub der Feststoff-Booster auf die Trägerrakete überträgt – montiert wird. Daraufhin wird der Tank mit der von der Airbus Defence and Space-Tochter Dutch Space im niederländischen Leiden gebauten kegelförmigen Triebwerksaufhängung verbunden und auf das von Snecma im französischen Vernon produzierte Vulcain-2-Triebwerk montiert, das wiederum eine Brennkammer von Airbus Defence and Space aus Ottobrunn umfasst. Die Triebwerksaufhängung haust auch den GAM Stellmotor, der von Sabca in Brüssel (Belgien) gebaut wird. Die fertig gestellte Raketenstufe wird dann von Le Havre nach Französisch-Guayana verschifft.

 

Kryogene Oberstufe ESC-A (Etage Supérieur Cryotechnique Type A) und Steuerungseinheit (Vehicle Equipment Bay, VEB)

Cryospace fertigt ebenfalls in Les Mureaux den Flüssig-Wasserstofftank der ESC-A, während die Flüssig-Sauerstofftanks von Air Liquide am französischen Standort Sassenage produziert werden. Diese Komponenten werden später zu Airbus Defence and Space in Bremen transportiert und dort gemeinsam mit der von Dutch Space in Leiden gebauten Triebwerksaufhängung zusammengefügt. Die Aufhängung wird von Airbus Defence and Space in Bremen ausgerüstet und mit einem HM-7-Triebwerk der Firma Snecma aus dem französischen Vernon versehen. Dort bestehen ähnliche Produktionsstrukturen wie für den Vulcain-Motor, insbesondere wird auch die von Airbus Defence and Space in Ottobrunn gefertigte Brennkammer verbaut. In der Version ES / ATV wird eine Oberstufe mit dem von Airbus Defence and Space in Ottobrunn entwickelten Aestus-Triebwerk verwendet.

Die ESC-A wird mit der VEB verbunden, die in Bremen in eine von Airbus Defence and Space (Madrid) gefertigte Basisstruktur eingebaut wird. Die VEB beherbergt den Rechner, der das Flugprogramm zur Steuerung sämtlicher Funktionen der Trägerrakete ab der ersten Zündung der Triebwerke enthält, etwa zur Berechnung der Flugbahn, Steuerung der Stufen zum Erreichen der Zielorbits und Rekonfiguration bei Ausfall bestimmter Ausrüstungskomponenten. Die Einzelbestandteile der VEB werden aus Belgien, Dänemark, Frankreich, Schweden und Spanien angeliefert. Auch die fertig montierte ESC-A / VEB wird auf dem Seeweg nach Französisch-Guayana gebracht.

1/ Aufsetzen der Oberstufe ESC-A (Startkampagne für Flug 172) im Juli 2006 in Kourou (© ESA – CNES – Arianespace).

2/ Montage der Vehicle Equipment Bay (VEB) auf der Oberstufe ESC-A (Startkampagne für Flug 172) im Juli 2006 in Kourou (© ESA – CNES – Arianespace).

3/ Ein Feststoff-Booster beim Schienentransport zum Trägerraketen-Integrationswerk (BIL), Startkampagne für Flug 172 im Juni 2006 in Kourou (© ESA – CNES – Arianespace).

 

Die Feststoff-Booster EAP (Etages d’Accélération à Poudre)

Die EAP-Boostergehäuse werden in Augsburg von MT Aerospace in drei Segmenten gefertigt, von denen das kleinere zunächst zu Avio in Colleferro (Italien) geht, während die zwei größeren zum von Regulus betriebenen Treibstoffwerk UPG nach Kourou (Französisch-Guayana) verschickt werden, um mit Thermalschutz versehen und mit Festtreibstoff befüllt zu werden. Nach der Verbindung dieser drei Segmente im Triebwerksintegrationsgebäude (BIP) unter der Leitung von Europropulsion in Kourou werden sie mit einer Düse von Snecma Propulsion Solide (Haillan, Frankreich) zu einem Feststoff-Triebwerk (MPS) zusammengebaut, das mit Front und Rear Skirt sowie einer Düsenansteuerungsgruppe (GAT) von Sabca (Brüssel, Belgien) ausgerüstet ist. Die EAP wird daraufhin von Airbus Defence and Space abgenommen und auf dem Schienenweg bis zum Triebwerkslagergebäude (BSE) transportiert, wo sie bis zum Beginn der Startkampagne verweilt.

 

Die Startkampagne

Seit der Trägerrakete mit Nummer L527* trägt Airbus Defence and Space die Verantwortung für die Startkampagne. Diese beginnt im Trägerintegrationsgebäude (BIL) mit der Aufhängung einer EPC über dem mobilen Starttisch, gefolgt von zwei EAP-Stufen. Die EPC wird dann auf die an den EAP-Skirts angebrachten Befestigungsvorrichtungen der norwegischen Firma Kongsberg aufgesetzt. Anschließend werden die ESC-A und die VEB an die Spitze der Trägerrakete gehievt. Nach der Verifikation der Mechanik-, Elektrik- und Fluid-Schnittstellen und sämtlicher Systemaspekte wird der Träger an Arianespace in die Endmontagehalle (BAF) geliefert. Dort wird er mit einer oder mehreren Nutzlasten versehen, die in eine Kompositstruktur integriert werden, die u. a. eine von Oerlikon Contraves (Zürich, Schweiz) hergestellte Nutzlastverkleidung sowie, je nach Bedarf, auch Nutzlastadapter von Airbus Defence and Space (Madrid) oder RUAG Aerospace (Göteborg, Schweden) bzw. im Falle eines Doppelstarts eine SYLDA-5-Doppelstartstruktur aus dem Hause Airbus Defence and Space in Les Mureaux enthalten kann.

Doch damit sind die Aufgaben für Airbus Defence and Space noch nicht beendet, denn neben der Trägerraketen-Hardware benötigt die Ariane natürlich ein „Gehirn“, um ihre Mission erfolgreich erfüllen zu können. Diese Funktion übernimmt das in Les Mureaux entwickelte Flugprogramm. Die Teams dort verfügen über ein umfassendes Wissen zum System und verbessern durch Missionsbedarfsanalysen und die Auswertung von Telemetriedaten von Flug zu Flug die Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit der Ariane.

 

Das Zusammenspiel

Jeder der oben genannten Zulieferer und Unterauftragnehmer greift für seine beigesteuerten Komponenten, Subsysteme, Materialien, Dienstleitungen, Infrastrukturen seinerseits auf die Kompetenzen weiterer spezialisierter Zulieferunternehmen zurück. Deshalb ist es schier unmöglich eine exakte Übersicht über sämtliche, teilweise hochqualifizierte Personen zu erstellen, die in ganz Europa zu dieser Trägerrakete beitragen und die sich höchstwahrscheinlich regelmäßig vor großen oder kleinen Bildschirmen in Kourou oder in Europa versammeln, um jeden Start mitzuverfolgen – geeint durch das unglaubliche Abenteuer Ariane.

Die Aufgabe von Airbus Defence and Space ist es, dafür zu sorgen, dass diese Einzelleistungen, Produktionsverträge, Komponenten, Systeme und Subsysteme aus ganz Europa zu einem technisch konsistenten Ganzen werden. Als guter „Orchesterchef“ stellt Airbus Defence and Space ST durch Systemstudien auf Ebene der Mechanik, Aerodynamik, Elektrik und Avionik sicher, dass jeder seinen Teil der Partitur harmonisch einbringt und jeder Flug einer enorm komplexen, präzisen Symphonie gleicht, die mit einem wohlklingenden Schlussakkord endet.

 

* Die erste Schwerlast-Trägerrakete Ariane 5 ECA aus dem PA-Los (L527) beförderte am 11. März 2006 die Satelliten Spainsat und Hot Bird 7A von Französisch-Guayana erfolgreich ins All. L527 war der erste Träger, den Airbus Defence and Space als alleiniger Hauptauftragnehmer an Arianespace lieferte.

 

 

 

 

 

 

TrägertraketensystemeArianeAriane 4Ariane 5