Airbus Defence and Space

20.000 Meilen über dem Meer

Das unbemannte Versorgungsfahrzeug ATV (Automated Transfer Vehicle), der „Weltraumfrachter“ zur ISS, ist nicht nur ein zentraler Beitrag Europas zur Internationalen Raumstation, sondern möglicherweise das Fundament der europäischen bemannten Raumfahrt.

Am 3. April 2008 brachte sich das erste ATV, „Jules Verne“, vor dem Andockmanöver an die Internationale Raumstation (ISS) abschließend in Position. Bei der Annäherung – beide Objekte rasten mit ca. 28.000 km/h durchs All – traf das Raumfahrzeug dank GPS und lasergestützten Steuerungsgeräten erfolgreich einen Andockbereich von 60 cm Durchmesser. Nach dem Ende des Manövers um 16:52 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit konnten Mitglieder der ISS-Crew das ATV ohne Raumanzüge betreten und mit dem Ausladen der 4,6 Tonnen Versorgungsgüter beginnen, darunter 1.150 kg Trockenfracht, 856 kg Treibstoff für das russische Service-Modul Swesda, 270 kg Trinkwasser und 21 kg Sauerstoff.

Nach dem Andock-Manöver und dem Ausladen der angelieferten Vorräte setzte das ATV Jules Verne während der sechsmonatigen Verbindung mit der Raumstation mehrmals seine Lageregelungstriebwerke ein, um die Umlaufbahn der ISS zu korrigieren. Zum Ende seiner Mission wurde es mit 2,5 Tonnen Abfall beladen, legte am 5. September 2008 von der ISS ab und scherte in ein Parkorbit um die Erde ein. Dort verharrte das ATV, bis mit einem De-Orbiting-Manöver am 29. September sein kontrollierter Wiedereintritt in die Erdatmosphäre eingeleitet wurde, bei dem es über dem Pazifischen Ozean restlos verglühte.

Das ATV „Johannes Kepler“

Als die erste ATV-Mission in einem Feuerball in der Erdatmosphäre zu Ende ging, waren die Vorbereitungen für das nach dem deutschen Astronomen und Mathematiker Johannes Kepler benannte zweite ATV schon in vollem Gange.

In Bremen findet zurzeit die Endmontage des ATV Johannes Kepler statt. Das Frachtmodul (Integrated Cargo Carrier), das während des Fluges die Trocken- und Flüssigfracht aufnimmt, reiste vor kurzem auf dem Luftweg von Turin nach Bremen, wo es bis Ende des Jahres mit den beiden anderen Hauptmodulen verbunden werden soll: dem Einbauabteil für die Antriebstechnik (Equipped Propulsion Bay, EPB) und demjenigen für die Avionik (Equipped Avionics Bay, EAB). Nach dem Zusammenbau der drei Module wird das ATV Johannes Kepler anschließenden Subsystem-Tests unterzogen und per Schiff nach Kourou in Französisch-Guayana gebracht. Von dort aus wird es im Februar 2011 an Bord einer Trägerrakete des Typs Ariane 5 ES die Reise zur ISS antreten.

Zukunftsmusik

2011 werden die USA das Space Shuttle außer Dienst stellen und damit die anderen ISS-Partner der Möglichkeit berauben, Nutzlasten und Ausrüstung unter atmosphärischen Bedingungen zur Erde zurückzubringen. Um diese Lücke zu füllen, wird bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA der Bau eines Transporters angedacht, der Fracht und/oder Menschen zur Erde zurückbefördern kann. Die Forschungs- und Studienarbeit hierzu läuft bereits seit über zehn Jahren. 1998 startete die ESA den Wiedereintrittsdemonstrator ARD (Atmospheric Re-Entry-Demonstrator), der bei seiner Rückkehr zur Erde nur 4,9 Kilometer vom vorgesehenen Zielpunkt entfernt landete. Europa konnte damit erstmals vollwertige Erfahrungen zur Technik des kontrollierten Wiedereintritts sammeln.

Der nächste Schritt wird das Advanced Re-entry Vehicle (ARV)* sein, das auf der diesjährigen Paris Air Show für großes Aufsehen sorgte. Das konstruktiv auf dem ATV basierende ARV wird Fracht von der ISS zur Erde zurückbringen und die Sicherheit der Rücktransporte mit einer ähnlichen Hitzeschildtechnik gewährleisten, wie sie beim ARD zum Einsatz kam. Falls die europäischen Regierungen die Pläne bewilligen, könnte 2016/2017 das erste ARV auf die Reise gehen; und Europa käme seinem Fernziel – bemannten Raumflügen zur ISS – wieder ein Stück näher.

 

 

 

 

 

 

ATV