Airbus Defence and Space

Zwischen Hightech und Mückenplage

Ein erfüllter Raumfahrt-Job im Urwald

Die Ariane 5 ES Trägerrakete aufgenommen am 17. Februar 2011 während des Transfers vom Endmontagegebäude (BAF) zum Startbereich (ZL-3) am Startkomplex Nr. 3 (ELA-3) des Centre Spatial Guyanais (CSG). (© ESA – S. Corvaja 2011)  
Die Ariane 5 ES Trägerrakete aufgenommen am 17. Februar 2011 während des Transfers vom Endmontagegebäude (BAF) zum Startbereich (ZL-3) am Startkomplex Nr. 3 (ELA-3) des Centre Spatial Guyanais (CSG). (© ESA – S. Corvaja 2011)

 

Der Bremer Systemingenieur Maayan Windmuller sorgt mehrere Monate im Jahr für die Startvorbereitung der Ariane-Oberstufen vor Ort in Kourou.

Die imposante Startrampe erhebt sich gut 50 Meter über eine weite Landschaft mit eintönigem Blätterwald. An Bord der 200. Ariane-Rakete ist der Raumtransporter ATV-2 „Johannes Kepler“ – die schwerste Nutzlast, die je von einer Ariane transportiert wurde. Es ist sonnig, 35 Grad warm und es herrscht eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Der Countdown läuft. Für die Ingenieure an den Rechnern im Kontrollzentrum im sicheren Bunker des europäischen Weltraumbahnhofs in Kourou heißt es Abwarten. Tun können sie jetzt nichts mehr. Denn die Kontrolle wurde bereits bei Minute Sieben an die Computersysteme übergeben. Die kleinste Abweichung der Daten würde sofort zum Startabbruch führen. Die Raumfahrtspezialisten sind angespannt und konzentriert, der Adrenalinspiegel steigt immer weiter.

Die EPS-Oberstufe wird aus ihrem Transportcontainer gehoben, um in das Gesamtsystem der Ariane 5 in Kourou integriert zu werden. Maayan Windmuller trägt die Verantwortung für Zusammenbau und Tests der EPS im Rahmen der Startvorbereitungen in Kourou. 
Die EPS-Oberstufe wird aus ihrem Transportcontainer gehoben, um in das Gesamtsystem der Ariane 5 in Kourou integriert zu werden. Maayan Windmuller trägt die Verantwortung für Zusammenbau und Tests der EPS im Rahmen der Startvorbereitungen in Kourou.

 

Auch der 38-jährige Bremer Systemingenieur Maayan Windmuller, verantwortlich für die Systeme der wiederzündbaren EPS-Oberstufe, starrt gebannt auf das grüne Licht auf den Bildschirmen, lauscht den Durchsagen zu Wind, Wetter und Sonneneruptionen. Ideale Bedingungen. Plötzlich bleibt bei Minute Vier der Countdown stehen. Die Gedanken überschlagen sich in den folgenden Sekunden: „Was ist passiert? Gibt es noch Hoffnung heute zu starten? Nein, also alles morgen noch mal von vorne.“ Die Anspannung fällt ab. Kurzzeitig. 

Was klingt wie in einem Sciencefiction-Spielfilm gehört für den System-Ingenieur aus Bremen zum Berufsalltag. Zwischen zwei und fünf Monate im Jahr ist der Luft- und Raumfahrtingenieur zur Startvorbereitung der Ariane-Oberstufen EPS (Étage à Propergols Stockables) und ESC-A (Étage Supérieur Cryotechnique Type A) in Kourou/Französisch Guyana.

Die Oberstufe EPS wird auf der Ariane-Trägerrakete in Position gebracht. Maayan Windmuller überwacht den wichtigen Moment. 

Einfach sind die Bedingungen nicht. Doch Maayan Windmuller möchte keinen anderen Job. „Direkt an der Startrampe in einem internationalen Team an einem spannenden Ort für ein nicht alltägliches Projekt zu arbeiten – genau aus diesem Grund habe ich mich Ende 2005 für den Job im System Engineering entschieden“, sagt der Ingenieur. „Sicherlich arbeiten wir zeitweise unter großer Anspannung und machen auch oft Überstunden“, so Windmuller. Mentaler Stress und enorm hohe Adrenalinausschüttung direkt in der Countdownphase seien da ganz normal. Doch Maayan Windmuller genießt diese spannenden Momente in seinem Berufsleben. „Das sind immer wieder neue Herausforderungen – gerade auch wenn mal nicht alles so läuft, wie es sollte“, sagt er. Auf Hochtouren laufen die Ingenieure, wenn bei einem Startabbruch der Grund im eigenen System zu suchen ist. 

Die Oberstufe EPS wird auf der Ariane-Trägerrakete in Position gebracht. Maayan Windmuller überwacht den wichtigen Moment.

Und auch beim zweiten Startversuch des ATV-2 „Johannes Kepler“, am 16. Februar 2011 war im Oberstufenteam zwanzig Minuten vor Countdownende noch Hektik angesagt. Es war zu erwarten, dass bei aktuellen Temperaturbedingungen der Minimaldruck der Helium-Behälter knapp nicht eingehalten werden kann. Sobald die automatische Sequenz läuft, würde das den Cut bedeuten. „Es musste schnell eine Entscheidung her, ob wir den Grenzwert anpassen können“, erinnert sich Windmuller. Optionen und Risiken wurden abgewägt, Berechnungen angestellt, Erfahrungswerte verglichen und in einer Telefonkonferenz der Beschluss für eine Sonderfreigabe (Waiver) getroffen. „Nach nur zehn Minuten und den Unterschriften aller beteiligten und in Kourou anwesenden Verantwortlichen konnten die neuen Daten im System eingetragen werden. Eine gute Entscheidung, denn letztendlich näherte sich der bar-Druckwert bis auf nur wenige Zähler nach dem Komma der Minimaldruckgrenze an.“

Die Anspannung ist dem System Engineering-Team nicht anzusehen: Die technische Verantwortung für die EPS-Oberstufe vor dem Start der Ariane 5 lastet auf ihren Schultern. (Maayan Windmuller 1.v.l.) 
Die Anspannung ist dem System Engineering-Team nicht anzusehen: Die technische Verantwortung für die EPS-Oberstufe vor dem Start der Ariane 5 lastet auf ihren Schultern. (Maayan Windmuller 1.v.l.)

 

Durch die Voraussicht der Ingenieure und dem schnellen Handeln aller Beteiligten war der 200. Ariane Start ein voller Erfolg. ATV-2 „Johannes Kepler“ wurde seinerseits in der Bahnebene der Internationalen Raumstation ausgesetzt und dockte knapp eine Woche später erfolgreich an die ISS an. „Egal ob regelmäßig oder mit Hindernissen – jeder Ariane-Start bedeutet Anspannung“, sagt Windmuller. „Danach fällt alle Anspannung abrupt ab und nach Startparty und abschließender erster Auswertung der Daten am Morgen danach findet man sich schnell in einem Loch wieder.“

Circa 20 km außerhalb der Stadt Kourou liegt das Centre Spatial Guyanais (CSG): Ein Arbeitsplatz mit Weitblick für den Bremer Airbus Defence and Space Ingenieur Maayan Windmuller. 

Circa 20 km außerhalb der Stadt Kourou liegt das Centre Spatial Guyanais (CSG): Ein Arbeitsplatz mit Weitblick für den Bremer Airbus Defence and Space Ingenieur Maayan Windmuller.

 

Ein Ausgleich zum stressigen Berufsalltag ist in Kourou schwierig. Der Standort des Centre Spatial Guyanais (CSG) mitten im Urwald von Französisch Guyana ist für einen Europäer gewöhnungsbedürftig – nicht nur bedingt durch das extrem feucht-heiße Klima, an das man sich erstmal anpassen muss. „Eigentlich gibt es hier nicht viel“, sagt Maayan Windmuller. „Die meiste Zeit verbringen wir eh im Kreis der Kollegen, gehen mal was essen, schwimmen oder machen eine Trekkingtour durch den Urwald – wenn es uns die Arbeit erlaubt." Zudem dürfe man nicht zimperlich sein, so der Ingenieur. „Hier gibt es Schlangen und unglaublich viel Krabbelzeug.“ Doch am meisten stören die Mücken. „Während der Regenzeit schafft man es noch nicht einmal vom Appartement ins Auto ohne mindestens einmal gestochen zu werden. Man ist immer zerstochen.“ Doch auf eines freut er sich immer wieder, wenn er nach Kourou kommt: „Die Früchte! Ich habe noch nie so leckere und frische Mangos, Papayas und Ananas gegessen, wie hier.“

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