Airbus Defence and Space

Interview mit Robert Lainé, technischer Direktor von Airbus Defence and Space: Reisen zur ISS

Die Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation (ISS) bewegen sich ständig über uns. Die alltägliche Kommunikation mit der Erde funktioniert dermaßen gut, dass man darüber beinahe vergisst, dass die Instandhaltung der Raumstation, ihre Versorgung und der Transport der Astronauten permanent gewährleistet werden müssen. Aber wie?

Auf der ISS halten sich Astronauten relativ lange auf. Dies bedeutet, dass die Raumstation regelmäßig mit Nahrung, Wasser, Kraftstoff, Material usw. versorgt werden muss. Wie wird diese Versorgung bewerkstelligt?

Robert Lainé: Es gibt mehrere Möglichkeiten zum Zugang zur ISS. Kurz gefasst sind dies:

  • Das amerikanische Shuttle, das gleichzeitig Material und Personen transportiert.
  • Das russische Raumschiff Sojus. Dieses transportiert Personen.
  • Der Raumtransporter Progress, der dieselbe Trägerrakete verwendet wie das Sojus, jedoch mit einem anderen Container zum Transport von Material und Kraftstoff ausgestattet und nicht zum Wiedereintritt in die Erdatmosphäre fähig ist.
  • Die Japaner haben ein Raumschiff mit dem Namen HTV entwickelt. Dieses kann bis zur Raumstation reisen, jedoch nicht automatisch andocken. Das HTV transportiert nur Fracht, kann jedoch keine Astronauten befördern.
  • Die Europäer haben das ATV entwickelt, ein höchst leistungsfähiges Transferfahrzeug, das automatisch an der Raumstation andocken kann.

Welche Missionen führen diese Raumschiffe durch, und erfüllt jedes eine besondere Rolle?

RL: Die Raumschiffe führen Servicemissionen für die gesamte Raumstation durch, die mit Wasser, Sauerstoff, Kraftstoff für die Raumstation oder mit Triebkraft versorgt werden muss. Der Progress und das ATV können all diese Anforderungen erfüllen. Die anderen sind nicht so gut dafür geeignet, die Raumstation selbst mit Kraftstoff zu versorgen. Außerdem kann das ATV dank seiner Größe dreimal mehr Kraftstoff liefern als der Progress – 9 t Nutzlast beim ATV gegenüber 3 t beim Progress. Dadurch kann das ATV länger an die ISS angedockt bleiben als andere Raumschiffe – sechs bis sieben Monate…

Wie wird entschieden, welcher Raumschifftyp genutzt wird, und wie oft welcher Typ zur Raumstation geschickt wird?

RL: Es läuft hier ein bisschen wie bei Gemeinschaftseigentum ab: Jeder muss entsprechend des Grads seiner Nutzung der Raumstation Kosten tragen. Einfach ausgedrückt stellt jeder Flug eines Raumschiffs eine Abgabe zur Nutzung der gemeinsamen Ressourcen durch die Astronauten dar.

Einige dieser Raumschiffe sind relativ neu. Werden ihre Nachfolger bereits vorbereitet?

RL: Die geplante Außerbetriebnahme des Shuttles bedeutet heute, dass das Sojus das einzige Raumschiff sein wird, das Personen zu ISS befördern kann. Dadurch ändert sich die aktuelle Situation. Der heutige Stand der Dinge ist, dass die Amerikaner beschlossen haben, bei der Entwicklung von Transportmitteln für Verpflegung und Besatzung auf private Akteure umzusteigen. Zurzeit laufen zwei Projekte: Das Raumschiff Dragon des Unternehmens Space X und das Projekt Cygnus des Unternehmens Orbital Science. Das europäische ATV könnte seinerseits in Form des Projekts ARV (Advanced Re-entry Vehicle, fortgeschrittenes Wiedereintrittsfahrzeug) weiterentwickelt werden. Der grundlegende Unterschied ist, dass dieses Raumschiff zusätzlich zum Wiedereintritt in die Erdatmosphäre fähig wäre, das heißt, es könnte auf die Erde zurückkehren, um Material von der Raumstation zurückzubringen, wenn das Shuttle nicht mehr fliegt. Warum sollten wir uns nicht vorstellen, es letztendlich auch für den Transport von Menschen ausstatten zu können?

ISSATV