Airbus Defence and Space

Schnittstelle zwischen Ingenieuren und Astronauten

Wie werden Astronauten auf ihre Mission an Bord der internationalen Raumstation vorbereitet und wer sie dafür ausbildet?

Die neuen ESA-Astronauten im Columbus-Simulator des Europäischen Astronautenzentrums Köln nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Grundausbildung. Oben (von links nach rechts): Timothy Peake, Andreas Mogensen, Alexander Gerst, Luca Parmitano. Unten (von links nach rechts): Samantha Cristoforetti, Thomas Pesquet. (© ESA)
 Die neuen ESA-Astronauten im Columbus-Simulator des Europäischen Astronautenzentrums Köln nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Grundausbildung. Oben (von links nach rechts): Timothy Peake, Andreas Mogensen, Alexander Gerst, Luca Parmitano. Unten (von links nach rechts): Samantha Cristoforetti, Thomas Pesquet. (© ESA)

Ende 2010 schlossen sechs neue Astronauten der Europäischen Weltraumorganisation ihre Ausbildung am Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln ab, wo das Europäische Astronautenkorps seinen Sitz hat. Natürlich stellt sich hier sofort die Frage, wie Astronauten auf ihre Mission an Bord der ISS vorbereitet werden und wer sie dafür ausbildet. Wir haben einen Blick hinter die Kulissen des EAC geworfen und einige der Airbus Defence and Space-Mitarbeiter kennen gelernt, die Astronauten am Erdboden fit für Ihre Reise ins All machen.

Vorbereitung auf die Weltraummission

Bevor die Astronauten ihren Einsatz an Bord der Internationalen Raumstation ISS beginnen, müssen sie eine umfangreiche Ausbildung am EAC durchlaufen. Die ESA ist wie jeder ihrer internationalen Partner für die Grundausbildung ihrer eigenen Astronauten verantwortlich. Zudem muss sie allen ISS-Besatzungsmitgliedern die erforderlichen Kenntnisse hinsichtlich der ESA-Module im ISS-Programm vermitteln. Wenn die Astronauten für eine bestimmte ISS Mission ausgewählt werden (Assignment), durchlaufen sie den normalen Trainingsplan als ISS Besatzung bei allen internationalen Partnern. Da es jedes Jahr zwei Nutzungsabschnitte (Increments) und damit zwei ISS-Besatzungen gibt, müssen jährlich insgesamt zwölf Astronauten geschult werden. Airbus Defence and Space ist Hauptauftragnehmer der ESA sowohl für das europäische Raumlabor Columbus, in dem Experimente und Studien zur menschlichen Physiologie und zum Verhalten von Pflanzen und anderen Organismen in der Schwerelosigkeit durchgeführt werden, als auch für den Raumfrachter ATV, der zur Versorgung der ISS mit lebenswichtigen Gütern wie Wasser, Lebensmitteln und Kraftstoff dient. Darüber hinaus trägt Airbus Defence and Space als industrieller Betreiber die Verantwortung für die Instandhaltung der Raumstation gemäß IOT-Vertrag (Industrial Operating Team). Wer wäre also für die Ausbildung der Astronauten vor ihrer Reise ins All besser geeignet als die Ingenieure von Airbus Defence and Space?

Training am Boden

Jede Trainingseinheit muss genau terminiert und sorgfältig ausgearbeitet werden. Die Lektion selbst sowie der verantwortliche Ausbilder werden anschließend zertifiziert. Das Foto zeigt die Astronautenausbilderin Martina Pinni und den Airbus Defence and Space-Praktikanten Tahir Merali beim Probelauf eines Schulungsmoduls zur Columbus-Wartung.
 Jede Trainingseinheit muss genau terminiert und sorgfältig ausgearbeitet werden. Die Lektion selbst sowie der verantwortliche Ausbilder werden anschließend zertifiziert. Das Foto zeigt die Astronautenausbilderin Martina Pinni und den Airbus Defence and Space-Praktikanten Tahir Merali beim Probelauf eines Schulungsmoduls zur Columbus-Wartung.

Das Astronaut Training Centre in Köln verfügt über eine Reihe von Ausbildungssimulatoren – Modelle von Columbus, ESA-Nutzlasten, ATV und Sojus - um nur einige zu nennen. Darüber hinaus besitzt das EAC ein zehn Meter tiefes Nullauftriebsbecken NBF (Neutral Buoyancy Facility) mit einem Columbus-Modell für das EVA-Training (Extra-Vehicular Activity), also das Einüben von Aktivitäten außerhalb der Raumstation. All diese Modelle sind ihren realen Gegenstücken im Orbit so wirklichkeitsgetreu wie möglich nachgebaut. Auf dem Lehrplan stehen Russisch, allgemeines Fitnesstraining und das richtige Verhalten in Notfällen ebenso wie die Funktionsweise der verschiedenen Komponenten der Raumstation, ihre Wartung und Reparatur, die Durchführung von Experimenten im Orbit sowie das wichtigste Thema: die Ausführung von Aufgaben auf Anweisung der Bodenstationen. Mehr als 20 Astronautenausbilder sind am EAC tätig, darunter 13 Mitarbeiter von Airbus Defence and Space bzw. Airbus Defence and Space North America. Die meisten arbeiten vor Ort in Köln, jeweils zwei aber auch in Bremen bzw. Houston sowie einer in Turin. Die Vorbereitung der einzelnen Lektionen beginnt lange vor der Ankunft der Astronauten im Ausbildungszentrum. „Die Zeit der Astronauten ist sehr kostbar. Oft haben sie nur eine Woche in Köln beim EAC, bevor sie zum weiteren Training in die USA, nach Russland oder Japan abfliegen müssen. Deshalb muss jede Trainingseinheit sorgfältig terminiert und konzipiert werden“, erläutert Kirsten Bischoff, Teamkoordinatorin für die Ausbildung am Columbus-System in Köln.

Drei Stufen der Qualifikation

Die auf die jeweilige Mission abgestimmte Ausbildung am EAC ist für alle Astronauten obligatorisch, ob sie nun aus Russland, Japan, Amerika, Kanada oder Europa kommen. Sie alle müssen während ihres Einsatzes an Bord der ISS mit dem Columbus-System, den ESA-Nutzlasten und dem ATV arbeiten können. Allerdings muss nicht jeder Astronaut in der gleichen Detailtiefe an den europäischen Komponenten ausgebildet werden. Die Schulungseinheiten sind in drei Stufen unterteilt: Benutzer, Bediener und Spezialist. Während alle Mitglieder einer ISS-Besatzung die Benutzerqualifikation für Columbus und ATV erwerben müssen, werden nur vier Astronauten mit dem Qualifikationsniveau eines Benutzers sowie mindestens zwei Spezialisten für Wartung und Reparatur benötigt. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Besatzung hauptsächlich für wissenschaftliche Experimente und die Instandhaltung der Station verantwortlich ist. Die einzelnen Aufgaben, mit denen die Astronauten während ihrer sechsmonatigen Mission konfrontiert sein könnten, sind so zahlreich, dass wir sie nicht auf alle vorbereiten können“, erklärt Airbus Defence and Space-Astronautenausbilder Peter Eichler. Das Training zielt deshalb auf die Vermittlung von Fähigkeiten ab (skills-based), nicht auf die Bewältigung von Einzelaufgaben (task-based).

Die Ausbildung der Besatzung ist für den sicheren und effektiven Betrieb der Raumstation entscheidend und umfasst auch ein Notfalltraining. Massimiliano Signori, einer der zwei Bediener des Columbus-Simulators, betätigt hier gerade den manuellen Feuermelder, um die automatische Brandbekämpfung im Columbus-Labor anzustoßen. In einer Brandsimulationsübung lernen die Astronauten, wie die Besatzung auf ein Feuer reagieren muss. Die ersten Schritte des Notfallverfahrens müssen auswendig beherrscht werden.
 Die Ausbildung der Besatzung ist für den sicheren und effektiven Betrieb der Raumstation entscheidend und umfasst auch ein Notfalltraining. Massimiliano Signori, einer der zwei Bediener des Columbus-Simulators, betätigt hier gerade den manuellen Feuermelder, um die automatische Brandbekämpfung im Columbus-Labor anzustoßen. In einer Brandsimulationsübung lernen die Astronauten, wie die Besatzung auf ein Feuer reagieren muss. Die ersten Schritte des Notfallverfahrens müssen auswendig beherrscht werden.

Astronautenausbilder: Direktes Feedback vom Endnutzer

„Als Astronautenausbilder sind wir die Schnittstelle zwischen den Ingenieuren, die die Module der Internationalen Raumstation konstruieren, und den Astronauten, die diese bedienen“, umschreibt Kirsten Bischoff ihre Rolle. „Die Astronautenausbildung ist ein kontinuierlicher Prozess. Das Tolle an unserem Job ist, dass wir von den Endbenutzern direktes Feedback zum Produkt erhalten. Mit Hilfe dieser Informationen können wir den Lehrplan verbessern.“

Kirsten Bischoff (links), Team Koordinatorin Columbus Crew Training: „Als Astronautenausbilder sind wir die Schnittstelle zwischen den Ingenieuren, die die Module der Internationalen Raumstation konstruieren, und den Astronauten, die diese bedienen.“ (© ESA)
 Kirsten Bischoff (links), Team Koordinatorin Columbus Crew Training: „Als Astronautenausbilder sind wir die Schnittstelle zwischen den Ingenieuren, die die Module der Internationalen Raumstation konstruieren, und den Astronauten, die diese bedienen.“ (© ESA)

Nicht von ungefähr sind einige der Ausbilder teilweise auch als EUROCOMs tätig (so werden die einzigen Flugkontrolleure beim Columbus-Kontrollzentrum in München bezeichnet, die direkt mit den Astronauten an Bord der Raumstation kommunizieren können). Die Astronautenausbilder unterstützen die Astronauten von Anfang an. Während der Ausbildung wird eine persönliche Beziehung aufgebaut, die später die Kommunikation zwischen Bodenstation und ISS erleichtert. Peter Eichler: „Man bewältigt das Training leichter, wenn man weiß, dass man später im Orbit von der gleichen Person unterstützt wird. Anweisungen von Personen, die man kennt und denen man vertraut, sind einfacher zu befolgen.“ Andreas Mogensen, einer der sechs neuen ESA-Astronauten, brachte seine Dankbarkeit und sein Lob für die gute Arbeitsbeziehung zwischen Astronauten und Ausbildern wie folgt zum Ausdruck: „Ohne die Hilfe der Mitarbeiter am EAC wären wir nicht durch unsere Grundausbildung gekommen.“

Peter Eichler: „Astronautenausbilder und EUROCOM – der zweitbeste Job der Welt.“
 Peter Eichler: „Astronautenausbilder und EUROCOM – der zweitbeste Job der Welt.“ (© German Zoeschinger, DLR)


Peter Eichler fasst seine Aufgabe so zusammen: „Mein Job ist faszinierend. Ich bringe Astronauten alles bei, was sie über die europäischen Komponenten der ISS wissen müssen. Ich arbeite mit sehr intelligenten und interessanten Menschen zusammen und verspüre ein unmittelbares Erfolgserlebnis, wenn ich vor den Monitoren in Oberpfaffenhofen sitze, die Besatzung bei der Arbeit im Columbus-Labor sehe und direkt mit den Leuten sprechen kann, um ihnen bei einem Problem oder einer Frage zu helfen. Noch näher dran ist man nur, wenn man selber in den Weltraum fliegt. Astronautenausbilder/EUROCOM ist der zweitbeste Job der Welt – nach dem des Astronauten.“

 

 

Eine Vielzahl von spannenden Informationen zum Thema 50 Jahre bemannte Raumfahrt finden Sie im Dossier.

Ein weiteres Dossier beschäftigt sich mit Menschen ausserhalb der Grenzen der Erdatmosphäre: Leben im Weltraum

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