Airbus Defence and Space

Von den Kinderschuhen zur Reifeprüfung, Bernard Humbert

Bernard Humbert, der 1967 zur Société pour l’Etude et la Réalisation d’Engins Balistiques (SEREB) stieß, war beim Abenteuer Ariane ein Akteur der ersten Stunde. Nach seinen Anfängen als Systemarchitektur-Manager führte ihn sein Weg bis in die Führungsebene des Geschäftsbereichs Weltraumprogramme von EADS SPACE Transportation in Les Mureaux (Paris), der er bis 2003 angehörte. Hier blickt er zurück auf drei einzigartige Jahrzehnte.

„Wenn ich heute, im Jahr 2009, an den bevorstehenden 30. Geburtstag der Ariane denke, fällt mir unweigerlich jener Heiligabend des Jahres 1979 ein, als wir es nach mehreren Fehlversuchen endlich geschafft hatten und die erste Ariane in den Himmel über Kourou aufsteigen sahen.

 

Ariane 1 und ihr Systemarchitekt

Dieser Bilderbuch-Start war unbestreitbar die Krönung der seit 1973 geleisteten schweren Arbeit. Für uns vom Team des Systemarchitekten bedeutete er vor allem, dass wir die uns anvertraute Aufgabe, eine stimmige technische Entwicklung des Trägersystems zu gewährleisten, erfolgreich gemeistert hatten. Dass der Funktion des Systemarchitekten in der Ariane-Programmorganisation so ein hoher Stellenwert zukam, war eine der Lehren aus dem Scheitern des ersten europäischen Trägerraketen-Programms „Europa“.

Durch die Anwendung gemeinsamer Management-Regeln, die gesteuerte Entwicklung aller Elemente des Trägers und Simulationen der Flugphasen anhand tatsächlicher Komponenten, wo immer dies sinnvoll war, folgte die Prüfung der Flugtauglichkeit dem Prinzip größtmöglicher Gründlichkeit. Daher wurde die erste Rakete im Trägersystem-Integrationswerk SIL in Les Mureaux zunächst einmal integriert und inspiziert, bevor sie in Richtung Cayenne in See stechen durfte. Und auch die Flugsoftware absolvierte im Vorfeld ihres Versandes nach Kourou – übrigens auf Lochstreifen, die damals alle benutzten! – eine Reihe von Simulationsläufen. Ab dann konnten wir nur noch beobachten, wie der eigentliche Flug verlaufen würde. Nach dem Start stellten wir dann mit größter Genugtuung fest, dass der Träger exakt die Flugbahn einschlug, die unsere Kurvenschreiber vorzeichneten. Nun hatten also auch die Systemarchitekten die Prüfung mit Bravour bestanden.

 

Ariane 4 durfte einfach nicht im Museum verstauben!


Später in meiner Laufbahn war ich dann für Aufgaben im Zusammenhang mit der Systemarchitektur der Ariane 4 zuständig. Die enormen in diesem Programm zu meisternden Herausforderungen werde ich ganz bestimmt nie vergessen. Alle kennen den technischen und kommerziellen Erfolg dieser Rakete, des zuverlässigsten aller unbemannten Weltraum-Trägersysteme. Weit weniger bekannt ist, dass in den frühen achtziger Jahren viele eine ganz andere Zukunft voraussagten. Damals ersetzte Amerika seine konventionellen Trägersysteme durch das Space Shuttle und verbannte sie aufs Abstellgleis. Die Ariane stand damit plötzlich in direkter Konkurrenz zum Shuttle und dessen Fähigkeit zur Aufnahme von Satelliten mit großem Durchmesser. Um am Markt für kommerzielle Starts kleiner, mittlerer und großer Satelliten im Wettbewerb zu bleiben, mussten wir die Doppelstart-Strategie beibehalten und mindestens die 2,5-fache Transportkapazität der Ariane 1 anbieten. Auf dieser Grundlage entstanden unter Weiterverwendung bestehender Elemente wie Triebwerken, Antriebsstufen usw. die sechs Versionen der Trägerrakete Ariane 4. Diese war extrem lang und dünn und trug an ihrer Spitze eine Nutzlastverkleidung, die einen viel größeren Durchmesser hatte als die dritte Stufe. Hierdurch nahmen die Strukturlasten und damit die Probleme bei der Missionstauglichkeit der Rakete erheblich zu. Doch unsere brillanten Konstrukteure nahmen sich der Herausforderung an, diesen unerreichten Komplexitätsgrad zu bewältigen, verfeinerten ihre Analyse- und Berechnungsmethoden und wiesen schließlich die Flugtauglichkeit der gesamten Familie nach.

Die Tragödie der Raumfähre „Challenger“ im Jahr 1986 war für die Satellitenstart-Ambitionen des Space Shuttle ein heftiger Dämpfer, so dass die Ariane eine Zeit lang konkurrenzlos dastand. Von dieser Situation konnte die Ariane 4 ab ihrem allerersten Start im Juni 1988 profitieren.

 

Träume schaden nicht

Gegen Ende der siebziger Jahre begannen wir mit der Definitionsarbeit für eine Ariane-Version, die ursprünglich in der Lage sein sollte, ein bemanntes Raumfahrzeug – Hermes – in den Weltraum zu befördern. Daher wurde die Konstruktion der Ariane 5 Mitte der achtziger Jahre auf der Basis einer unteren Zwillingsstufe, von deren Spitze aus Hermes auf eine erdnahe Umlaufbahn gebracht werden sollte, und einer darüber liegenden Oberstufe zum Einschuss in einen geostationären Transferorbit eingefroren. Nachdem ich 1988 ins technische Management des Hermes-Programms berufen wurde, sollte ich fast 10 Jahre lang nichts mehr mit der Ariane zu tun haben. Hermes kam nie zwar nie über das Planungsstadium hinaus, doch wenigstens konnten wir uns freuen, den Wiedereintritts-Demonstrator ARD oder das unbemannte Versorgungsfahrzeug ATV zum Leben erweckt zu haben.

 

Der Weg zum industriellen Projektmanagement

Als ich in den Geschäftsbereich Weltraumprogramme zurückkehrte, hatte sich die Lage erheblich verändert. Die Ariane musste sich nun der Konkurrenz zu Trägersystemen aus der früheren Sowjetunion stellen, die von US-Unternehmen vermarktet wurden. Damit war eine drastische Senkung ihrer Betriebs- und Produktionskosten erforderlich. Die erste Konsequenz aus dieser Erkenntnis war: Wir würden die Ariane 4 und die Ariane 5 nicht mehr lange parallel weiterführen können. Die Einstellung des Programms Ariane 4 zu empfehlen, fiel mir nicht leicht, am Ende jedoch siegte der Verstand über das Gefühl. Und auch für alle, die sich um die Senkung der Produktionskosten bemühten, waren Logik und Vernunft das Gebot der Stunde. Am Ende fiel der Zuschlag für das industrielle Projektmanagement im Trägerraketen-Programm an Airbus Defence and Space. Heute, am Vorabend ihres 30. Geburtstages, steht zweifelsfrei fest: Die Ariane hat ihre Reifeprüfung bestanden!“

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