Airbus Defence and Space

Von der Peake auf gelernt

Major Tim Peake ist einer der sechs Glücklichen, die sich jüngst als neue Mitglieder des Europäischen Astronautenkorps der ESA qualifizieren konnten.

Unser Handy-Interview mit ihm wurde von einem argen Störecho überlagert, von dem er sich aber einfach nicht beirren ließ – was man wiederum als Zeichen der lösungsorientierten, entschlossenen Art deuten kann, die ihn so weit gebracht hat. Airbus Defence and Space sprach mit Peake über seine bisherigen Erfahrungen und seine Ambitionen für die Raumfahrtindustrie.

Major Tim Peake Europäischen Astronautenkorps der ESA

Major Tim Peake zählt zu den sechs neu qualifizierten Mitgliedern des Europäischen Astronautenkorps der ESA. (© ESA)

Auch wenn die Intensität des Netzechos die Vermutung nahelegt: Major Peake telefonierte (noch) nicht von der ISS aus mit uns, sondern vom ESA-Forschungszentrum im britischen Harwell. Der erste offizielle Astronaut Ihrer Majestät und ehemalige Hubschrauber-Testpilot der britischen Heeresflieger ist der Raumfahrtbehörde Großbritanniens, die vor kurzem ihr erstes Gründungsjubiläum feierte, eng verbunden.

Peakes Astronautenausbildung Hubschrauber-Pilot britischen Heeres 

Seine Begeisterung für die Segnungen der Raumfahrt ist unverkennbar, zumal er sich als deren leidenschaftlicher Fürsprecher profiliert.

Ein Unterrichtsinhalt von Peakes Astronautenausbildung war auch das reine Überleben. Zuvor war er als Hubschrauber-Pilot des britischen Heeres bis zum Majorsgrad aufgestiegen. (© ESA/Vittorio Crobu)

Wir gratulieren zum erfolgreichen Abschluss der ESA-Astronautenausbildung! Dem Vernehmen nach war es ein breit gefächertes, körperlich anstrengendes und geistig anspruchsvolles Schulungsprogramm. Doch wie in aller Welt bereitet man sich auf das Leben und Arbeiten in den Weiten des Alls vor?

Die Ausbildung deckte wirklich eine enorme Bandbreite ab. Dennoch ging es in jedem Teil des 18-monatigen Schulungsprogramms darum, uns für das Leben und Arbeiten im Weltall zu wappnen. Die ersten sechs Monate waren in hohem Maße schulisch ausgelegt und von intensivem Frontalunterricht geprägt, um uns das für Einsätze als Astronauten erforderliche Grundwissen zu vermitteln. Dieser Abschnitt deckte eine große Themenvielfalt ab, von den Biowissenschaften über Orbitalmechanik und Datentechnik bis zu Raumfahrtantrieben und vielem anderen mehr. Außerdem besuchten wir zwei Monate lang Russisch-Kurse, denn Russisch zu können, ist nicht nur an Bord der Raumstation unerlässlich, sondern auch, weil beim Betrieb der Sojus-Trägerrakete, die uns voraussichtlich in den Weltraum bringen und wieder von der Station abholen wird, alles auf Russisch abläuft. Man muss als Astronaut eben ein Tausendsassa sein – aber auf manchen Gebieten auch ein beschlagener Experte.

Tauchlehrgänge  Astronautenausbildung Wasser besteht Weltraum herrschende Schwerelosigkeit

Tauchlehrgänge sind ein wichtiger Teil der Astronautenausbildung, denn unter Wasser besteht noch am ehesten die Möglichkeit, die im Weltraum herrschende Schwerelosigkeit auf der Erde realistisch zu simulieren. (© ESA)

Danach ging es an die hochspezialisierte Fachausbildung in der Handhabung der verschiedenen Systeme der Raumstation, begleitet von Übungen in der Durchführung von Außenarbeiten; hierfür nahmen wir Tauchstunden in der „Neutral Buoyancy Facility“ des Europäischen Astronautenzentrums in Köln, einem zehn Meter langen Wasserbecken mit einem originalgroßen Modell des Columbus-Labors. Unter Wasser lassen sich Bedingungen, wie sie in der Schwerelosigkeit herrschen, auf der Erde noch am besten simulieren. Dort kann man seine Ausrüstung kopfüber bedienen und um das ISS-Modell herumschweben – mehr oder weniger so, wie bei einem echten Weltraumspaziergang.

Natürlich sind auch psychologische Aspekte Teil der Ausbildung. Das Management der im Kreise der Besatzungsmitglieder vorhandenen Leistungen und Fähigkeiten bzw. der „Human Behavioural Performance“, wie wir dies nennen, lässt uns den Gesichtspunkt unserer Vereinbarkeit als Team im Verlauf von Langzeitmissionen besser verstehen – das betrifft menschliche Faktoren, die beim Zusammenleben und bei der Zusammenarbeit in beengter Umgebung sowie in Sachen Konfliktmanagement und Entscheidungsfähigkeit zum Tragen kommen. Und aus den körperlichen Übungen kann man immer etwas lernen. Zum Beispiel haben wir während unserer zweiwöchigen Gruppen-Überlebensausbildung letzten Juni in Sardinien festgestellt, dass sich bei jeder solchen Überlebensübung die Gruppendynamik verändert. So gewinnt man jedes Mal wertvolle neue Erkenntnisse.

Hatten Sie im Laufe der Ausbildung viel Kontakt mit Airbus Defence and Space-Mitarbeitern?

Tim Peake mit Gail Iles, Airbus Defence and Space Mitarbeiterin und Instruktorin am Europäischen Astronautenzentrum Parabelflug Airbus A300 `Zero-G´

Von unseren Betreuern im Kölner Astronautenzentrum kommen viele aus den verschiedensten Industriezweigen, und natürlich auch von Airbus Defence and Space. Hinzu kommen externe Dozenten und Ausbilder; dass wir dabei so viel über ihre weit gefächerten Aufgaben und die zahlreichen am ISS-Projekt beteiligten Unternehmen erfahren, ist eine tolle Sache. Wenn ich mich mit anderen über die Hauptvorzüge der ISS unterhalte, steht der Aspekt der internationalen Kooperation weit oben auf der Liste – und erst wenn man wirklich in die Vorgänge auf Unternehmensseite eingebunden ist, begreift man, wie viele Akteure aus wie vielen Ländern an der Erkundung des Weltraums beteiligt sind.

7. Mai 2010: Tim Peake mit Gail Iles, Airbus Defence and Space Mitarbeiterin und Instruktorin am Europäischen Astronautenzentrum, schweben bei einem Parabelflug des Airbus A300 „Zero-G“ schwerelos durch die Kabine des Spezialflugzeugs. (© ESA/A. Le Floch)

Eine Ihrer Hauptaufgaben auf der ISS wird die wissenschaftliche Forschung sein. Nicht wenige Experimentieranlagen an Bord der ISS wurden von Airbus Defence and Space entwickelt und hergestellt, zum Beispiel DECLIC, die Microgravity Science Glovebox, MELFI, Geoflow und natürlich das Columbus-Labor selbst. Sind Sie auch Naturwissenschaftler?

Nein, Ich bin Pilot von Beruf und habe einen Abschluss in Flugdynamik; meine Vorbildung ist also weitgehend operativer Natur. Im Europäischen Astronautenkorps sind vielfältige Qualifizierungen vertreten, und sofern man die geeigneten psychischen Eigenschaften und das nötige Grundwissen mitbringt, ist kein bestimmter Bildungshintergrund vorgegeben.

Unsere sechsmonatige Grundausbildung beinhaltete auch naturwissenschaftliche Elemente, um uns alle mit dem nötigen Handwerkszeug für die verschiedenen Forschungsdisziplinen auszustatten. Sobald ich als Crew-Mitglied eingeteilt bin, läuft eine dreijährige Vorbereitung auf meinen ISS-Dienst an. Im Zuge dieser Fortbildung werde ich mich zum Experten für die wichtigsten Experimente weiterentwickeln, die in den sechs Monaten meiner Stationierung im Weltraum an Bord der ISS stattfinden. Worum es im konkreten Fall dann genau gehen wird, kommt aber ganz darauf an, mit welchen Aufgaben man mich zu gegebener Zeit betraut. Ich persönlich habe ein breites Interesse an naturwissenschaftlichen Fragen. Zurzeit arbeite ich im Rahmen meiner Nebenaufgaben mit der medizinischen Abteilung zusammen und verfolge gespannt die medizinische Forschung auf der ISS. Auch was in der Physik gerade abläuft, finde ich absolut faszinierend – einige der fluidphysikalischen Experimente, die momentan an Bord der Raumstation durchgeführt werden, sind wirklich bahnbrechend.

Mit Ihnen als neuem Mitglied des Europäischen Astronautenkorps und der Gründung der britischen Raumfahrtbehörde UKSA vor genau einem Jahr im April 2010 rückt die britische Raumfahrt, die manche ja als Großbritanniens bestgehütetes Geheimnis betiteln, offenbar immer weiter ins Rampenlicht. Unterstützen Sie diese Entwicklung auch im konkreten Auftrag der UKSA?

Die ESA hat sich damit einverstanden erklärt, dass ich einen gewissen Prozentsatz meiner Zeit dazu nutze, mich für die britische Raumfahrtbehörde als Botschafter zu betätigen. So mache ich mich für die Initiative zur Förderung raumfahrtbezogener Berufe stark, die letztes Jahr aus Anlass der UKSA-Gründung vorgestellt wurde. Heute gehen wir einen Schritt weiter und befassen uns mit allen Formen naturwissenschaftlicher Forschung in Großbritannien, wobei der Mikrogravitationsforschung als einem nationalen Förderschwerpunkt besondere Aufmerksamkeit zukommt. Das wahre „Geheimnis hinter dem Geheimnis“ ist aber, dass es jede Menge Industrieunternehmen und Forschungseinrichtungen im Lande gibt, die viel zur Bereicherung der bemannten Raumfahrt und der wissenschaftlichen Forschung beizutragen hätten; diese Akteure versuchen wir, in unterschiedlichen Bereichen zu unterstützen. Ich kann nur immer wieder betonen: Auch Großbritannien ist ESA-Mitglied und leistet sogar wirklich große Beiträge. Wir sollten diesem Umstand uneingeschränkt Rechnung tragen und gemeinsam mit der ESA Vorhaben verwirklichen, die wir als Einzelstaat unmöglich schultern könnten.

Peake  Airbus Defence and Space-Standort Stevenage ExoMars-Rover Mars-Rover Bruno

Am 25. März besuchte Peake erstmals in offiziellem Auftrag ein Unternehmen der britischen Raumfahrtbranche – den Airbus Defence and Space-Standort in Stevenage. „Mir einige dieser hochinteressanten und spannenden aktuellen Projekte der britischen Raumfahrtbranche aus nächste Nähe ansehen zu können, war einfach großartig", schwärmt er. Hier präsentiert ihm Paul Meacham vom Projektteam zum ExoMars-Rover gerade den Mars-Rover Bruno. (© Airbus Defence and Space)

In Ländern, die bereits eigene „nationale“ Astronauten haben, hat die Raumfahrt ein klareres öffentliches Profil. Dass ich meine Position dazu einsetze, bestehende inländische Einrichtungen von potenziellem Nutzen für Großbritanniens Wirtschaft und Wissenschaft bekannter zu machen, ist also eine ganz natürliche Sache.

Die letztes Jahr bekanntgegebene Gründung der UKSA habe ich von Anfang an vorbehaltlos begrüßt – unter anderem als Anerkennung für die gute Arbeit des „British National Space Centre“, aus dem die UKSA ja entstanden ist. Diese wird zweifellos weiter wachsen, ihre Identität weiter festigen und über die kommenden paar Jahre greifbare Fortschritte erzielen.  

Standort Stevenage Peake

Bei seinem Werksrundgang am Standort Stevenage kam Peake auch mit Nachwuchs-Fachkräften und Auszubildenden ins Gespräch; hier unterhält er sich mit Katherine Bennell, Simon Rose, Thomas Colt und Jack Armitage. Ob die jungen Leute wohl seinem Beispiel folgen und eines Tages in den Weiten des Weltraums forschen werden? (© Airbus Defence and Space)

Manch anderer wäre wohl schon mit den Aufgaben Ihrer regulären Militärlaufbahn mehr als ausgelastet. Sie jedoch strebten nach mehr und bewarben sich um den Job als Astronaut. Aber warum eigentlich? Wollten Sie sich einen Kindheitstraum erfüllen, oder trieb Sie einfach die schiere Lust am Wettbewerb?

Dass ich als junger Bursche schon vom Astronautendasein träumte, stimmt tatsächlich – aber welches Kind tut das nicht? Als Teenager begeisterte ich mich dagegen weit mehr fürs Fliegen. Ich hatte immenses Glück, dass ich als Hubschrauberpilot der Heeresflieger dienen und diesen Beruf anschließend 18 Jahre lang als Fluglehrer und Testpilot ausüben durfte. Als Testpilot kommt man viel mit der Industrie bzw. der Luft- und Raumfahrtbranche in Kontakt; auch ich wurde in dieser Zeit mit der Raumfahrtindustrie allmählich immer vertrauter – und entwickelte ein wachsendes Interesse daran. Als ich dann mitbekam, wie die ESA auf ihrer Website den „Astronauten-Job“ ausschrieb, konnte mich nichts mehr halten. Dass ich es aber tatsächlich schaffen würde, darüber war ich total erstaunt! Im Stillen nämlich war ich alles andere als zuversichtlich gewesen; ich hatte einfach die Erfahrung in vollen Zügen durchlebt, es genossen, überhaupt am Prozess teilnehmen zu dürfen, und die Aufgaben eine nach der anderen auf mich zukommen lassen.

Welche Aussicht bereitet Ihnen mit Blick auf Ihren möglichen Einsatz an Bord der ISS die größte Vorfreude?

Ja, genau das: Die Aussicht! Dieser „Juri-Gagarin-Moment“. Aber genauso freue ich mich, die bemannte Raumfahrt ganz allgemein ein Stück weiter bringen zu können.

Vor genau einem halben Jahrhundert, am 12. April 1961, reiste Juri Gagarin als erster Mensch ins All und zurück. Wie stehen Sie zum Abenteuer Raumfahrt?

Mit Gagarins historischer Hin- und Rückreise begann die menschliche Erkundungstour ins Universum. Dass wir Menschen vielleicht bis in tausend Jahren diverse Planeten und Monde unseres Sonnensystems besiedelt, außerirdische Ressourcen nutzbar gemacht und das All sogar bis über die Grenzen des Sonnensystems hinweg bereist haben könnten, ist meines Erachtens absolut vorstellbar! So gesehen sind die bescheidenen Beiträge, die wir zu unseren Lebzeiten leisten, nur kleine Pflastersteine unseres Weges zu einem überlebensgroßen Ziel.

Alles, was wir künftig bei der Erkundung des Weltraums unternehmen, muss in Form internationaler Kooperationen geschehen – darüber herrscht heute allgemein Einigkeit –, und sei es nur, weil das Spektrum unserer Ambitionen so viel breiter ausfällt als früher. Wir müssen zusammenarbeiten und unsere Ressourcen zusammenlegen. In diesem Sinne ist die Raumfahrt eine der seltenen Aufgaben, bei denen wir über die Politik hinauswachsen, Beschränkungen und Barrieren niederreißen und Staaten zur Kooperation bewegen können. Ein Beispiel ist die globale Explorationsstrategie, an der neben China, Südkorea, Russland, den USA und Japan natürlich auch Europa beteiligt ist. Alle diese Staaten haben sich auf gemeinsame Rahmenbedingungen für die Erkundung des Weltraums geeinigt, und das ist nichts weniger als ein fabelhafter Erfolg. Was mit dem Shuttle-Mir-Programm begann, findet heute mit der ISS seine Fortsetzung – und ich bin überzeugt, dass es in Zukunft immer mehr solche Beispiele zwischenstaatlicher Zusammenarbeit geben wird.

 

Eine Vielzahl von spannenden Informationen zum Thema 50 Jahre bemannte Raumfahrt finden Sie im Dossier.

Ein weiteres Dossier beschäftigt sich mit Menschen ausserhalb der Grenzen der Erdatmosphäre: Leben im Weltraum

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